Vom Loslassen und Festhalten

Vom Loslassen und Festhalten

Wir alle kennen das Wort „Loslassen“! „Du musst loslassen, dann wird alles gut!“ „Das Leben geht weiter!“ „Lass alles hinter Dir!“ „Du hältst Dich schon viel zu lange daran fest!“ Aber ist das wirklich so?


Ja, das ist so, aber es ist nicht so einfach, wie es sich anhört, sondern viel komplexer und vielschichtiger. Loslassen ist ein Prozeß, nicht ein einmaliger Vorgang. Das ganze Leben ist ein einziges Loslassen, ein Aneinanderreihung von Prozessen. Loslassen von geliebten Menschen, von geliebten Orten, von geliebten Dingen und Zuständen. Und oft auch von ungeliebten Verhaltensweisen und Situationen, die uns schon lange nicht mehr gut tun, aber an denen wir noch aus vermeintlicher Sicherheit festhalten.

Der erste Loslassprozeß beginnt mit der Entscheidung der Seele, hier auf der Erde zu inkarnieren. Die Seele verlässt ihre Sternenheimat, um sich hier in einem Körper zu manifestieren. Über mehrere Monate wächst nun der Körper im Mutterleib heran, und es gilt für beide, für Mutter und Kinder, sich auf das nächste Loslassen, die Geburt, vorzubereiten. Die Schwangerschaft ist also der Prozeß, und die Geburt nur das Ende dieses Prozesses. Es beginnt ein neuer Prozeß, nämlich das Leben hier auf der Erde. Und hier durchlaufen wir verschiedene Entwicklungsstufen. Wir dürfen lernen, Abschied zu nehmen von gewohnten Umständen. Vom Getragen werden zum Krabbeln und weiter zum Laufen. Wir verabschieden uns von unseren Zähnen, von unserem liebsten Kuscheltier, von Spielkameraden, von Bezugspersonen außerhalb der Familie. Allmählich verabschieden wir uns von unserer Kindheit und unserer Jugend und finden uns plötzlich in der Erwachsenenwelt wieder, in der es täglich darum geht, Altes hinter sich zu lassen und neu anzufangen. Jeden Tag! Immer wieder! Denn kein Tag ist wie der andere. Und jeder Tag ist ein Neuanfang!

Das Arbeitsumfeld verändert sich, Partnerschaften und Freundschaften gehen verloren oder kommen neu hinzu. Die Herkunftsfamilie verliert an Bedeutung, und wir gründen eigene Familien. Es sterben Menschen in unserem Umfeld, von denen wir uns verabschieden müssen. Ob wir wollen oder nicht. Auch wenden sich Menschen, die uns wichtig waren von uns ab oder wir uns von ihnen. Das alles ist Teil unseres Lebens. Und dieses Leben ist ein einziger Prozess zum Entwickeln. Durch all diese Erfahrungen sind wir zu denen geworden, die wir heute sind. Und der Weg ist noch nicht zu Ende. Denn das Ende selbst ist der größte Loslassprozess unseres Lebens. Der eigene Tod gehört genau so zu unserem Leben wie unsere Geburt, nur klammern wir ihn gerne aus. Wir feiern das Leben, aber nicht den Übergang in die nächste Ebene. Und doch ist dies wahrscheinlich der wichtigste, wenn auch der schwierigste Prozess, den wir durchlaufen werden. Der ein oder andere wird ihn mit Leichtigkeit meistern. Aber wir sehen auch, dass es viele Menschen gibt, die sehr an ihrem Leben hängen und nicht loslassen wollen oder können.

Und so ist es auch während unseres Lebens. Es gibt Menschen, die begeben sich mit Leichtigkeit in neue Situationen und sehen den Neubeginn als Herausforderung und Möglichkeit, sich weiter zu entwickeln. Vielen von uns gelingt das alles aber nicht immer so, wie wir es uns wünschen. Oft halten wir viel zu lange an Dingen fest, die uns schon lange nicht mehr gut tun oder sogar vielleicht schaden. Wir neigen dazu, in Sicherheiten zu verharren, die wir im Außen finden, aber nicht in uns. Und wir wissen das meistens sehr genau, aber es fällt uns oft schwer, etwas zu verändern.

Das kann unterschiedliche Gründe haben. Möglicherweise haben wir in diesem Leben nicht ausreichend gelernt, dass Veränderung zum Leben dazu gehört. Oder wir haben in unserer Kindheit in einem Umfeld gelebt, in der vor allem die Sicherheit im Außen geprägt wurde (z. B. durch materiellen Ausgleich) und kaum ein Gefühl von Sicherheit im Inneren - nämlich Vertrauen und Geborgenheit - vermittelt wurde. Viele sind aus ihrer Kindheit schwer traumatisiert oder haben Eltern, die traumatische Erlebnisse in ihrer frühen Kindheit davongetragen und daher ihre Erfahrungen weiter gegeben haben. Auch können Ereignisse aus der Ahnenreihe noch heute Einfluß auf Dich haben, wenn diese über die Generationen hinweg weiter gegeben wurden.

Hinzu kommen aber auch unsere Persönlichkeiten, die uns grundsätzlich entgegen kommen oder uns im Wege stehen. Ich bin z. B. im Sternzeichen des Stiers geboren. Stiere tun sich oft sehr schwer mit Veränderungen, erst recht, wenn sie plötzlich, wie aus heiterem Himmel kommen. Sie brauchen häufig sehr lange, um sich an neue Situationen zu gewöhnen, vor allem, wenn sie von Außen herbei geführt wurden. Manchmal ist es ja auch von Vorteil, sich nicht sofort in neue Begebenheit zu stürzen, die uns möglicherweise schaden. Es darf aber nicht soweit gehen, dass wir uns grundsätzlich selbst im Vorwärtsgehen blockieren.

Manchmal ist es aber sogar so, dass uns andere festhalten, ohne dass wir es merken, und uns so am Weitergehen behindern. „Lass los, was DICH festhält!“ bekommt dann eine ganz andere Bedeutung! Ich selbst habe schon verzweifelt versucht, einen Menschen loszulassen, bis ich gespürt habe, dass er noch gar nicht soweit ist, mich loszulassen. Dies ist ein ganz wesentlicher Aspekt, denn Loslassen ist eben auch ein beidseitiger Prozess!

Dann entscheiden natürlich auch Deine vorhergehenden Inkarnationen und Dein Seelenauftrag, was Du in diesem Leben lernen darfst und welche Entwicklungsschritte Du gehen wirst. Auch hier gibt es ein großes Feld, aus dem Du schöpfen kannst.

Ein weiterer wesentlicher Aspekt ist die Tatsache, dass Du erst etwas loslassen kannst, wenn Du es zuvor angenommen hast. Stelle Dir dazu folgendes Bild vor: Du hast einen Stift in der Hand, der etwas darstellt, das Du loslassen möchtest. Dieser Stift ist z. B. Dein Ex-Partner. Jetzt lässt Du diesen Stift einfach los, sodass er aus Deiner Hand fallen kann. Ganz einfach oder? Aber wie ist dieser Stift überhaupt in Deine Hand gekommen??? Du hast ihn zuvor entgegen genommen. Entweder hat ihn Dir jemand gegeben, oder Du hast ihn Dir selbst genommen. Wenn es also etwas gibt, von dem Du weißt, dass es wichtig wäre, es loszulassen, ist es zunächst sinnvoll, es erst mal voll und ganz anzunehmen. Und dann kannst Du Dich darum kümmern, es loszulassen. Aber vielleicht geschieht es dann schon von ganz allein…


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